Warum wir (Real-) Utopien brauchen

Eine schönere Welt - nachhaltig und gerecht - ist möglich. Allerdings entsteht sie nicht spontan. Wir müssen sie selbst schaffen und gestalten. 

Dazu braucht es utopisches Denken, das die zahlreichen Möglichkeiten von Zukunft ergründet und eigene Gestaltungsspielräume sichtbar macht. 

„We are collectively creating results that nobody wants.“  

~ Otto Scharmer, Professor am MIT & Begründer der Theory U

Unsere Welt ist aus den Fugen. Kritische Kippunkte nahen in unseren lebenswichtigen Systemen wie Umwelt und Gesellschaft.

Die Übernutzung unserer planetaren Ressourcen, die drohende Klimakatastrophe, das schnelle Artensterben, die immer weiter steigende Ungerechtigkeit, der Leistungszwang und die Entfremdung im Alltag verhindern ein gutes Leben für alle und untergraben unsere Lebensgrundlage. 

abgeholztes Waldstück

Wie wollen wir eigentlich leben? 

Im Krisen- und Gewohnheitsmodus erscheinen Strukturen und Systemlogiken oft alternativlos. Utopisch zu denken bedeutet, sich von der Alternativlosigkeit und vermeintlichen Sachzwängen abzuwenden und das Ideal einer zukunftsfähigen Gesellschaft zu beschreiben und zu verfolgen. 

Mädchen, das Heißluftballons bei Sonnenuntergang beobachtet

Die Kraft der Utopie



“Another world is not only possible, she is on her way. On a quiet day, I can hear her breathing.”
~ Arundhati Roy 

Utopien wohnt seit jeher eine kognitive und emotionale Kraft inne, die es vermag, Menschen auf ein gemeinsames Ziel auszurichten und Veränderungen anzustoßen. Jens Beckert, Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung, schreibt dazu: „In die Zukunft gerichtete Imagination, Antizipation und Sehnsucht haben entscheidend zur Entwicklung der modernen Gesellschaft beigetragen.“ [1]

Die Menschenrechte, freie Meinungsäußerung, die Gleichstellung der Frau, die Vereinten Nationen und die Demokratie selbst waren einst ferne Utopien, deren Strahlkraft schließlich revolutionäre Entwicklungen hervorgebracht hat. 


[1] Beckert, J. (2018). Imaginierte Zukunft: Fiktionale Erwartungen und die Dynamik des Kapitalismus. Suhrkamp Verlag.

Leitbilder nach Corona


„Wenn Du ein Schiff bauen willst, beginne nicht Holz zu sammeln, Planken zu schneiden und die Arbeit zu verteilen, sondern mache den Menschen Lust auf das weite und offene Meer.“ 

~ Antoine de Saint-Exupéry

Gerade jetzt während der Corona-Krise, die so viele Strukturen aufgebrochen und Paradigmen in Frage gestellt hat, tut sich ein Gelegenheitsfenster auf, neue Realitäten zu schaffen. Vielen Menschen fehlt es jedoch an Ideen, wie ein gutes Leben innerhalb der ökologischen Grenzen überhaupt aussehen kann. Wie nie zuvor brauchen wir daher jetzt - zu Beginn des 21. Jahrhunderts - positive Zukunftsbilder und Wegweiser auf der gemeinsamen Reise in das Morgen. Die Transformations- und Nachhaltigkeitsforscherin Prof. Dr. Maja Göpel hat diesen Gedanken in 2020 aufgegriffen: „Zukunft ist nichts, was bloß vom Himmel fällt. Nichts, das einfach nur so passiert. Sie ist in vielen Teilen das Ergebnis unserer Entscheidungen. Deshalb möchte ich Sie dazu einladen, die Welt, in der Sie, ich, wir alle leben, genauer anzuschauen, um das, was in ihr möglich ist, wieder neu zu denken." [2] 

Utopien sind keine schlaraffischen Vorstellungen. Sie sind auch kein linkes oder rechtes Literaturgenre. Sie sind auch keine Astrologie oder Futurologie. Utopien sind Leitbilder, die anschaulich machen, dass eine andere Welt möglich ist und wie sich das (Alltags-)leben in ihr anfühlt. Utopien machen Zukünfte greifbar. Lösungsorientiert verankern sie Dimensionen einer möglichen Zukunft in unserer Psyche und sind daher eine unverzichtbare Ressource für soziale Prozesse und Projekte. Ohne sie driften wir Menschen in reaktionäre Haltungen, werden zum Opfer apokalyptischer und energieraubender Narrative oder erstarren angesichts der Herausforderungen. 


Die positive Wendung der weltweiten Krisenlage kann nur dann Erfolg haben und gesellschaftliche Unterstützung mobilisieren, wenn das Neue in Form von positiven Zukunftsbildern ermutigt, es Lust macht auf Neues („Das will ich auch!“) und positive Veränderung real erfahrbar wird. Bisher fehlen in der Öffentlichkeit wie im Privaten diese Zukunftsentwürfe, die - fern von Parteizugehörigkeit und Ideologie - wünschenswerte gesellschaftliche Veränderungen skizzieren, pilotieren und skalieren.

Für die Realisierung der 17 Ziele für Nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals - SDGs), die Begrenzung des Klimawandels auf 1,5°C und den dazu nötigen systemischen Wandel brauchen wir jedoch diese intrinsische Motivation und kreative Kraft.

[2] Göpel, M. (2020). Unsere Welt neu denken. Ullstein.

Digitale Zukunftsvisionen von Apple, Google & Co.


„In unseren Bildern davon, wie wir die Erde sehen, ihre Natur, wie wir Menschen sind oder nicht sind, wozu Fortschritt dient, wofür man Technik einsetzt und was einem gerecht erscheint, liegt die Deutungshoheit darüber, was in der Welt möglich ist und was nicht.“
Maja Göpel  

An technologischen Utopien mangelt es nicht - im Gegenteil. Das Silicon Valley verspricht uns eine glanzvolle digitale Zukunft. Smarte Roboter für die Altenpflege, intelligente Benutzeroberflächen auf neuen Plattformen, bessere Apps und Algorithmen, die das Leben effizienter und uns beim Surfen maßgeschneiderte Angebote machen.

Technologische Fortschritte haben enorme Möglichkeiten geschaffen und sind für die Wende zur Nachhaltigkeit essenziell. Die Zukunftsvisionen der internationalen Tech-Giganten bilden jedoch nur eine Dimension von Gesellschaftsentwicklung ab. Sie richten sich selten an den wahren Bedürfnissen der Menschen und noch weniger an den planetaren Grenzen aus.

Die Gefahr rein technischer Utopien besteht darin, dass sie den Menschen auf seine Rolle als Konsument:in oder User:in reduzieren, anstatt ihm zu mehr Menschlichkeit und Miteinander zu verhelfen, und die gesamtgesellschaftlich wünschenswerte Entwicklung vollkommen ausblenden. Wofür werden die Technologien denn entwickelt? Diese Frage kann nicht mit Key Performance Indicators (KPI) und Objectives and Key Results (OKR) beantwortet werden, sondern nur indem umfassende gesamtgesellschaftliche Visionen entwickelt werden.

"In der Geschichte der Menschheit diente die Kultur dem Leben und die Technik dem Überleben. Heute bestimmt die Technik unser Leben, aber welche Kultur sichert unser Überleben? Darauf eine Antwort zu geben ist die Aufgabe der Utopie,"  schreibt dazu der Philosoph Richard David Precht.[3]

Die Versprechen technologischer Utopien haben sich bisher nicht erfüllt und werden es auch in Zukunft nicht leisten können, gesellschaftliche Probleme angemessen zu lösen.


[3]
Precht, R. D. (2018): Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft. Goldmann Verlag.

Realutopien enthalten nächstbessere Logiken

„The world ist made of circles and we think in straight lines.“
~ Peter M. Senge


Es gibt bereits zahlreiche Lösungskonzepte, Prinzipien, Werkzeuge und Methoden, die Wege zu einer Transformation eröffnen. Diese sind häufig jedoch fragmentiert, in Nischen verborgen und bisher nicht gesamtgesellschaftlich bekannt, verbreitet und sichtbar. Konkrete utopische Ansätze, die bereits gelebt oder praktiziert werden, nennen wir Realutopien. Realutopien sind zukunftsweisende Ansätze für die Verwirklichung einer lebenswerten, regenerativen und gerechten Gesellschaft, die praktisch umsetzbar sind oder im Kleinen bereits existieren und skaliert werden könnten. Durch die Orientierung an Realutopien können Ängste vor der Zukunft vermindert und die gesamtgesellschaftliche Energie besser auf die Entdeckung von Lösungswegen konzentriert werden.

Realutopien werden auf allen gesellschaftlichen Ebenen sichtbar – vom Privaten bis ins Öffentliche. Aktuelle Realutopien sind beispielsweise Teal Organisations und Sozialunternehmen, 3D Printing von Häusern, Aquaponik, energieautarke Bauwerke aus Holz mit begrünten Dächern, Urban Gardening, kostenfreie Leihfahrräder, cradle2cradle Produkte, Bürger:innenräte, solidarische Landwirtschaft (SoLaWi), Permakultur-Landwirtschaft und Syntropic Farming, Repair-Cafés, Transition Towns, foodsharing, der Happy Planet Index (der dem GDP einiges voraus hat) oder Meditationsunterricht und projektbasierte Lehrpläne an Schulen.
Realutopien sind auch nicht als absolut zu verstehen – sie enthalten eben nur die nächstbesseren Logiken für ein schönes und wünschenswertes Leben.

Grafik eines Uni-Campusgeländes mit begrünten Hausdächern, Parkanlagen und vielen Bäumen

Utopie, Eutopie, Realutopie



Per Definition sind Utopien fiktive Orte. Man kann sie sich auch vorstellen als Aussichtspunkte. Von ihnen können wir auf die vergangene Gegenwart schauen und der Frage nachgehen, wie bestimmte Hürden damals überwunden wurden und welche Schritte zu gehen sind. Das Wort „Utopie“ leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet so viel wie „an keinem Ort“ (ou = nicht; tópos = Ort). Korrekter wäre eigentlich das Wort „Eutopie“, das einen guten oder schönen Ort beschreibt (eu = gut). Aufgrund der im Englischen identischen Aussprache von utopia and eutopia wurde der Begriff Eutopie über die Zeit jedoch verdrängt. 

Die „Realutopie“ (real = nicht nur in der Vorstellung so vorhanden; gegenständlich) hingegen vereint als Oxymoron zwei Gegensätze: das Hier-und-Jetzt und den utopischen Zukunftsort. Durch die reale Manifestierung utopischer Prinzipien einerseits und eine nie aufhörende Weiterentwicklung und Offenheit andererseits gelingt ihr die Quadratur des Kreises. Daher sind Realutopien Rüstzeug auf der Reise ins Morgen, oder anders gesagt, sie sind wertvolle Wegmarker auf unseren Transformationspfaden. Reinhold Messner, der berühmte Extrembergsteiger, hat dies einmal sehr anschaulich erklärt: „Wer Ideen nicht nur hat, sondern sie wachsen lässt, zu Realutopien formt und dazu Kraft, Ausdauer und Stehvermögen einbringt, diese in die Tat umzusetzen, verändert immer etwas. So mache ich als Visionär aus der Zukunft eine erlebbare Vergangenheit.“

Utopie oder Dystopie





Schon immer haben sich große Denker:innen der Geschichte mit Utopien beschäftigt, von Platon (Politeia), über Francis Bacon (New Atlantis), Thomas Hobbes (Leviathan), Leonardo da Vinci (das Fliegen), Milton Friedman (Neoliberalismus) bis hin zu Karl Marx (Kommunismus). Als Thomas Morus 1516 sein berühmtes „Utopia“ veröffentlichte, beflügelte er damals das Streben für Fortschritt und für eine bessere Zukunft und wurde zum Vater des Utopie-Begriffs.

Später prägten Vertreter:innen sozialistischer sowie faschistischer Ideologien das Genre und trugen durch restriktive und autoritäre Vorstellungen des Gemeinwohls zu seinem Fall bei. Klar ist: jede gute Utopie muss die freie und individuelle Entfaltung des Menschen zur Grundlage machen. Oder, um es mit Richard David Prechts Worten zu sagen: „Die intrinsische Motivation – das selbstbestimmte Interesse – muss im Mittelpunkt jeder Utopie stehen. Sie macht in ihrer schillernden Fülle das Menschsein aus.“ [4] Und so sahen viele Literat:innen der Geschichte den Menschen der Zukunft als Künstler, der nicht lebt, um zu …, sondern der seiner menschlichen Natur folgt, und das Schöne, Ware und Gute zu verwirklichen sucht.

Politische Utopien werden dann problematisch, wenn sie fertige Ziele vorsetzen, die potenziell identitätsstiftende Kraft von Hetze gegenüber Dritten und Herabsetzung anderer Gruppen ausnutzen, Menschen und Nationen spalten und wissenschaftliche Grundlagen negieren. Oft wecken solche Visionen Sehnsüchte; diese sind aber wie jüngere Beispiele autokratischer Populisten zeigen ausschließend und destruktiv. Wie Orwell (1984, 1949) und Huxley (Brave New World, 1932) eindrucksvoll zeigten, können sich so utopische Träume von Links oder Rechts in dystopische Schreckenswelten verwandeln.  

Utopien, welche die zentralen Prinzipien der Selbstbestimmtheit des Menschen über Bord werfen und die eigene Vision auf machiavellistische Weise als die einzig Wahre darstellen, sind höchst gefährlich. Das gilt auch für soziale Experimente repressiver politischer Regime, die Menschen zu perfekten Wesen erziehen wollen und eine korrekte Lebensweise vorschreiben. Insbesondere auch deswegen möchten wir mit Realutopien einen neuen, hoffnungsstiftenden Weg einschlagen.


[4]
Precht, R. D. (2018): Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft. Goldmann Verlag.

Moderne Utopien sind unfertig, offen und integral 


"Alles ist und bewegt sich nach einem einzigen Gesetz: dem Leben."
~ Frida Kahlo

Bei der Erarbeitung von Utopien ist es wie dargestellt essenziell, Werte und Ziele nicht zu verabsolutieren und als wahr oder final festzuschreiben. Vielmehr geht es um die Entwicklung bestimmter Logiken und Lösungswege, die gesellschaftlichen Herausforderungen begegnen.

Utopien müssen immer unfertige Vorschläge für eine bessere Welt bleiben und offen sein für unterschiedliche und marginalisierte Perspektiven. Sie müssen bereit sein, neue Bedürfnisse und gesellschaftliche Veränderungen aufzugreifen, konstruktive Kritik einladen und sich permanent selbst in Frage stellen. Solche Utopien als inspirierende Einladungen in neue Denkräume und Möglichkeiten können maßgeblich zur zivilisatorischen Weiterentwicklung zur Verwirklichung von Glück, Frieden und planetarem Gleichgewicht beitragen. 

Dann können sie ihre transformative Kraft entfalten, indem sie menschliche Kreativität entzünden und grundlegende Innovationen ermöglichen - auf dem Weg in eine schönere Welt. 

Utopische Filme

Tomorrow - Die Welt ist voller Lösungen

Sehr inspirierende Dokumentation über all die wunderbaren Ideen, die es schon gibt.

2040 - Wir retten die Welt!

Dokumentation über die vielen existierenden Lösungen für eine schönere Welt.

Unsere große kleine Farm

Wunderschöne und berührende Dokumentation über ein Paar, welches das Großstadtleben aufgegeben hat, um den Traum von einer Aprikosenfarm mit ökologischer Landwirtschaft zu leben.

Zeit für Utopien - Wir machen es anders

Dokumentation über viele inspirierende Ideen für eine andere Welt.

Utopische Bücher

Utopia 2048 von Lino Zeddies

Der Roman unseres Mitgründers führt zwei »Zeitreisende« durch eine inspirierende Welt im Jahr 2048. 

Ecotopia von Ernest Callenbach

Eine Zukunftsutopie aus dem Jahr 1975 für den Norden der USA, der sich als Ökotopia abgespalten hat und im Einklang mit der Natur lebt.

Utopien für Realisten von Rutger Bregman

Buch von Rutger Bregman über die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und das bedingungslose Grundeinkommen.

Another Now von Yanis Varoufakis

Beschreibt eine alternative gesellschaftliche Entwicklung nach der großen Finanzkrise 2008 in eine sozial-ökologische Welt.

Die schönere Welt, die unser Herz kennt ist möglich von Charles Eisenstein

Eine berührendes Sachbuch darüber was schief läuft und wie die Welt stattdessen sein könnte und sollte.

Journey to Earthland: The Great Transition to Planetary Civilization von Paul Raskin

Beschreibung verschiedener Zukunftsszenarien mit wissenschaftlicher Analyse dazu, sehr anregend.

Zukunft für alle - Eine Vision für 2048

Sehr inspirierende Sammlung von Lösungsansätzen und Praktiken für eine schönere Zukunft vom Konzeptwerk Neue Ökonomie.

The Ministry for the Future von Kim Stanley Robinson

Anhand eines 2025 neu gegründeten UN Ministry for the Future wird der zukünftige eskalierende Kampf gegen den Klimawandel beschrieben mit einem holprigen Weg aber gutem Ausgang.